Cobh,
eine Stadt, die ich nie gesehen habe

Ich war noch nie in Cobh. Das ist die erste Frage, die mir jeder stellt, der erfährt, dass ich dort einen Roman angesiedelt habe. Und die Antwort überrascht die meisten. Als wäre das eine Unmöglichkeit. Als könnte man nur schreiben, was man gesehen hat.

Ich glaube nicht daran. Ich glaube, man schreibt aus dem, was man fühlt. Und ich habe Cobh gefühlt, bevor ich einen einzigen Satz aufgeschrieben habe.

Man muss einen Ort nicht kennen, um über ihn zu schreiben. Man muss ihn fühlen.

Es begann mit einem Foto. Bunte Häuser an einem Hang, dahinter die Mündung des Loch Mahon, dahinter das offene Meer. Die Farbigkeit wirkte seltsam, fast unwirklich, als wäre das ganze Bild zu viel für den Himmel darüber, der grau war. Nicht dunkel. Nur grau. Wie ein Atemanhalten.

Ich habe dieses Foto wochenlang angeschaut. Ich habe die Straßen auf Google Maps abgelaufen, den Hafen, die Kathedrale oben auf dem Hügel, die Fähre nach Spike Island. Ich habe Berichte gelesen von Menschen, die dort leben, und von solchen, die durchgereist sind und nie vergessen haben warum.

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Cobh war früher der letzte europäische Hafen, den die Titanic anlief. Das weiß jeder. Was weniger bekannt ist: In Cobh sind während der irischen Hungersnot Hunderttausende Menschen auf Schiffe gestiegen und nie zurückgekehrt. Die Stadt ist ein Ort des Abschieds. Eines, das sich wiederholt. Immer wieder. Über Generationen.

Das hat mich nicht losgelassen. Ein Ort, an dem Aufbruch und Verlust dasselbe bedeuten. Wo die Möwen schreien, weil sie von den Abgehenden gelernt haben, dass es keinen Unterschied macht.

Connor ist einer von denen, die noch nicht gegangen sind. Nicht weil er bleiben will. Sondern weil er noch nicht weiß, wohin. Das ist der Roman.

Cobh liegt am Ende einer Insel, die am Ende einer Insel liegt. Man kommt dort hin, wenn man nirgendwo anders mehr weiterkommt.

Ich werde Cobh irgendwann besuchen. Das ist mir wichtig. Nicht um den Roman zu korrigieren, sondern um zu sehen, ob ich richtig gelegen habe. Ob die Stille stimmt. Ob das Licht so ist, wie ich es mir gedacht habe: kein helles Licht, kein dramatisches. Nur dieses gleichmäßige, irische Grau, das alles weicher macht, als es eigentlich ist.

Bis dahin schreibe ich aus der Erinnerung an ein Bild. Und das, glaube ich, reicht.