Leseprobe

Den Vogel aus dem Käfig lassen

Prolog Cobh, Irland

Seit sieben Jahren sitzt ein alter Fischer Tag für Tag zusammengekauert auf einem rostigen Geländer und starrt auf die See. Die gelbe Wetterjacke trotzt den ewig grauen Haaren. Sein Gesicht ist wettergegerbt, die Augen leer.

Was sieht er dort draußen?

Connor geht jeden Morgen an ihm vorbei. Jeden Morgen derselbe Mann, derselbe Blick. Das Meer verändert sich — der Mann nicht.

Einmal hat Connor ihn gefragt. Guten Morgen. Nur das. Keine Antwort. Nur das Schweigen und das Rauschen der Wellen und der Wind, der von Passage West herüberfährt und nach nichts riecht, was man benennen könnte.

Vielleicht hat er aufgehört zu hören. Vielleicht hört er genau hin.

In Cobh lernt man das. Das Warten. Man lernt, still zu sitzen und trotzdem anwesend zu sein. Man lernt, dass das Meer kein Versprechen macht und trotzdem kommt. Jeden Tag.

· · ·

Connor ist siebenundzwanzig. Er wohnt in einer Wohnung ohne Bild an der Wand. Dritter Stock, zweites Haus von links. Er trinkt seinen Kaffee ohne Zucker, seit er vierzehn ist. Er hat einmal geliebt. Er hat es überlebt.

Das Café öffnet um acht. Um acht Uhr drei sitzt er hinter dem Tresen. Manchmal kommt jemand. Meistens nicht.

Und jetzt sitzt er hier. Und wartet darauf, dass etwas anfängt.

Draußen vor dem Fenster liegt der Hafen. Die Möwen schreien. Die Fähre nach Spike Island legt ab. Irgendwo klingelt ein Telefon, das niemand abnimmt.

»In Cobh lernt man das. Das Warten.« Aus dem Prolog
Der Roman erscheint bald.